Samira Klaho und Udo Homeyer

 

Vom Tun und Lassen

 

Zwei Mitglieder des Vestischen Künstlerbundes stellen aus.

 

Eröffnungsrede zur Vernissage am 22. Juni 2018, 19 Uhr im Kutscherhaus, Recklinghausen

 

Liebe Gäste!

 

„Vom Tun und Lassen“ – was für einen entspannten Titel haben doch die beiden Künstler Samira Klaho und Udo Homeyer für ihre gemeinsame Ausstellung gewählt. Wir begegnen dem „Tun und Lassen“ meist in Gestalt einer Redewendung, nämlich etwas „tun oder lassen zu können“. Die meiste Zeit spukt diese Wendung wohl unausgesprochen in unseren Köpfen herum, und zwar immer dann, wenn wir davon träumen, endlich mal wieder „tun und lassen“ zu können, was wir wollen, abseits von Stress und Terminplan, frei von Verpflichtungen, frei von Zwängen. Im Urlaub, ja „da kann ich tun und lassen, was ich will“. Oder: „Setzt den Jonas doch in den Laufstall, da kann er tun und lassen, was er will!“ „Tun und Lassen“ ist eine Formel für nahezu universelle Freiheitsgrade. Wer dann aber, so könnte man meinen, kann vom Tun und Lassen besser berichten als die Kunst, wenn ihr, der Kunst, doch alle Freiheit gegeben ist?

 

Vom Tun und vor allem vom Lassen in der Kunst

 

In Wahrheit aber ist es gerade mit dem Tun und Lassen in der Kunst weit weniger leicht als es die Redewendung und unsere Vorstellung vom Kunstschaffen vermuten lassen. Über die Nöte des Künstlers mit dem Tun und Lassen lesen wir schon bei Giorgio Vasari. Vasari, der Urvater der neu­zeitlichen Kunstgeschichte, hatte Mitte des 16. Jahrhunderts seine berühmten „Viten“ veröffentlicht, jene Sammlung von Biografien von vorrangig italienischen Künstlern, die zugleich eine Entwick­lungsgeschichte der Kunst vom Spätmittelalter bis zur Spätrenaissance darstellen. Immer wieder exemplifiziert Vasari hierin an einzelnen Künstlerpersönlichkeiten typische Probleme des Künstler­daseins . So auch jenes Nicht-vom-Werk-lassen-können, also den Drang, sein Kunstwerk immer wei­ter perfektionieren zu wollen. [In der Tat ist der Drang zur Verbesserung, zum Perfektionismus ein in der so genannten Kreativbranche nicht zu unterschätzendes Problem. Projektmanagement wird daher gefordert, dem Drängen und Wollen des eigenen Perfektionismus nicht hemmungslos nach­zugeben, sondern Pragmatismus walten zu lassen, termingerecht fertig zu sein, lieber den Spatz in der Hand zu malen als die Taube auf dem Dach. Das nicht immer zu können oder zu wollen, hat aber schon so manchen Renaissancefürsten als Auftraggeber an den Rand der Verzweiflung gebracht, wenn er Jahre um Jahre auf die Fertigstellung seines Werke wartete.

 

Als warnendes Beispiel für die allzu hemmungslose Vertiefung des Künstlers in seine Sache dient Vasari unter anderem der Florentiner Malers Paolo Uccello. Uccello habe sich so sehr in die Vervoll­kommnung höchst komplizierter perspektivischer Bild- und Körperkonstruktionen versteift, dass er – so jedenfalls meint Vasari – den Blick fürs Ganze verloren und seiner Kunst damit großen Scha­den zugefügt habe. Uccello habe „keine andere Freude gekannt, als einigen schweren und unaus­führbaren Perspektivgegenständen nachzusinnen, die zwar wunderbar und schön waren, ihn aber in Ausführung menschlicher Gestalten so sehr hinderten, dass er diese, je älter er wurde, desto schlechter zeichnete“. Wer also keine Ende findet und sein Steckenpferd über alle Maße weiter und weiter treibt, der wird am Ende sein Ziel verfehlen.

 

Obwohl Fleiß – italienisch: diligenza – von Vasari in jedem dritten Satz als oberstes Grundprinzip hoch und höher gehalten wird, so ist er sich doch ebenso sicher, dass oftmals „der Gedanke mit we­nigen Strichen besser ausgedrückt werde, als Mühe und zu großer Fleiß es vermögen.“ An anderer Stelle heißt es bei Vasari,  dass sich „diejenigen, welche nie fertig werden können, sich oftmals um alle Kraft und Wissenschaft bringen.“  Und wie so oft bei Vasari gehen Kunstpraxis und Künstlercha­rakter Hand in Hand: „Wer alles zu peinlich genau ausführen will, nimmt oft eine schroffe und harte Manier an und wird außerdem leicht einsiedlerisch, traurig und arm“.

 

Vasaris „Viten“ belegen recht zuverlässig ganz typische Probleme des Künstlers, Probleme so grund­legend, dass sie verschiedene Epochen und Kunstkonzepte übergreifen. Ist mein Werk so wie es ist schon gut genug? Genügt es mir? Ist es jetzt fertig? Ich könnte was ändern. Vielleicht mach ich es ja nochmal, vielleicht wird es dann besser. Aber auch: Das ging schon einmal daneben, das fasse ich nicht mehr an. Das Tun und Lassen – das sollte der kurze Ausflug zu Vasari zeigen – ist also tatsäch­lich seit langem ein kritischer Punkt im Kunstschaffen.

 

Samira Klaho

 

Wer sich mit Samira Klaho über ihre Arbeiten unterhält, wird sich schnell über eine noch immer oft vergessene und unterschätzte Tatsache bewusst, nämlich dass Kunst auch aus Umständen entsteht, dass ihre Bedingungen eben auch im Tun liegen, im Machen, im Schaffensprozess. Die idealistische Konzeption, nach der das Kunstwerk quasi auslieferungsfertig als Idee im Kopf entsteht und es dann „nur noch“ der natürlich bewundernswert geschickten handwerklichen Umsetzung bedarf, verkennt das kreative Potenzial des künstlerischen Tuns, des Ins-Werk-Setzens, und auch das Ein­wirken des Zufalls.

 

Als studierte Kunsttherapeutin liegt Samira das Schaffen grundsätzlich näher als das Bedeuten. Die­ser Vorrang des Schaffens vor dem Bedeuten lässt schon ahnen, dass es um den Stellenwert des fi­nalen Abschlusses, um den Schlusspunkts eines Werkes nicht allzu gut bestellt ist. Wo Bedeutung primär im Schaffensprozess verortet wird, sollte man besser mit keiner allzu strengen Definition von Werkabschluss rechnen. Redet Samira über ihre eigene Kunst, spricht sie folgerichtig meist vom Herstellungsprozess ihrer Werke, vom Material, von der Farbe, von der Form, von der Oberflächen­behandlung, von der Technik. Spätestens im zweiten Satz erwähnt sie die Probleme, die Hürden und die Lösungen. Erst viel, viel später – und manchmal nur zwischen den Zeilen – kommen Ideen im Sinne von Bedeutung zur Sprache.

 

Samira redet vom Anfang, von Vorläufern, von Fehlversuchen, von Abwandlungen, von Wiederauf­nahmen – auch vom Scheitern. Samiras Beschreibungsvokabular für die eigene Kunst ist gespickt mit Begriffen des Abweichens, des Abänderns, der Planänderung, des Versuchs und des Spontanen. „Eigentlich“, „ursprünglich“, „zuerst“, „aber dann“, „irgendwie“, „am Ende“, „schließlich“ und „mal se­hen“.  Sie redet von Anstrengung und Erschöpfung, ja, von Verausgabung. Sie redet aber auch davon, „keine Lust mehr auf das blöde Ding“ zu haben, sagt von Arbeiten, die man heute als Hauptwerke bezeichnen darf, dass sie diese „nicht mehr sehen kann“. Sich vom fertigen, mühsam geschaffenen Werk zu trennen, bereitet der Künstlerin folgerichtig keine allzu großen Schwierigkeiten. Eine sol­che Auffassung, die die emotionale Bindung zum fertigen Werk stark relativiert, erschließt dem Be­griff „Lassen“ noch viel tiefer greifende Bedeutungsebenen.

 

Zur Zeit teilen sich Samiras Arbeiten wesentlich in zwei Gruppen. Immer wieder sind es Köpfe, Ge­sichter, auch andere Körperteile. Von naturalistischen Porträts des Freundeskreises über Grimassen bis hin zu kubistisch-expressionistisch verzerrten Köpfen reicht die Darstellungspalette. Gesichts­fragmente konzentrieren den Betrachterblick auf wenige Ausdruckselemente und fügen der meist recht griffigen Kunst Samiras eine sehr offenes, schwebendes Moment hinzu.

 

Eine zweite große Gruppe der aktuellen Werke umfasst abstrakte oder konkrete Objekte, oder sa­gen wir besser: Objekte ohne allzu direkten Abbildungs- oder Verweischarakter. Verschlungenes, Verknotetes, Sich-Biegendes. Nehmen wir die sich verzweigenden Röhren beispielsweise: Ein Innen und Außen, ein Durchdringen von Lufträumen – etwas Bauteil- oder Elementartiges, an das wir im Geiste gerne weitere Elemente anstöpseln möchten. Das Drehen und Wenden des Dings in unserer Vorstellung, der Nachvollzug der plastischen Formen im Geiste wird in den Klötzchenelementen, die wir nicht nur in der Vorstellung, sondern ganz real neu formieren sollen, spielerisch in die Realität zurückgeholt. Samira reicht das Tun und das Lassen an den Betrachter weiter. Partizipation ist das Stichwort. Der Betrachter, der jetzt nicht mehr nur betrachtet, sondern eben auch handgreiflich wird, wird zum Co-Autor des von Künstlerseite nicht mehr abgeschlossenen Werks. Damit ist die Künstlerin fein raus aus dem Dilemma des Werkabschlusses – geschickt aus der Affäre gezogen.

 

In beiden Werkkreisen ist es die Sphäre der Sinneswahrnehmung und des Empfindens, des Sehens und des Begreifens, die Verbindung vom Physiologischen zum Psychologischen. Wer Samira kennt, weiß, dass hierbei manches durchaus symbolisch, auch biografisch verstanden werden darf. Be­wusst und manchmal sicher auch unbewusst fließen krankheitsbedingte Verlusterfahrungen in die Werke mit ein, entwickeln sich im Laufe der Jahre zu einer eigenen, privaten Ikonografie. Das Insta­bile, das Fragmentarische, das Verschobene, aber auch: das Alberne, das Freie und das Spontane sind wiederkehrende Elemente ihrer Kunst, die sich vielleicht am besten nicht als einzelnes Werk sondern als Werkgruppe erfahren lässt.

 

Für Samira wie für Udo ist das Machen, das Tun nicht nur ein wichtiger Bestandteil des Werks, son­dern phasenweise konstitutiv für das Werk. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich Künstler vertie­fen können im reinen Tun. Dass euch beiden aber auch weiterhin das Lassen gelingt – und auch das Von-etwas-ablassen –, das sei euch von Herzen gewünsch

 

Kunsthistoriker Christof Belmann-Weinrich

 

 

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